Page 2 - Sagen aus Kärnten
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Das Kirchlein von Tauern


                   Am Südufer des Ossiacher Sees erhebt sich ein waldi-

                  ger Bergzug, im Volksmunde „Die kleinen Tauern" ge-
                  nannt. Auf der Anhöhe steht ein Heiligtum, das Tauern-

                  kirchlein. Von seiner Entstehung weiß man folgendes zu
                  erzählen:



                  In alten Zeiten, als noch Nixen mit süßen Gesängen die
                  Menschen in die Tiefe lockten, als noch Elfen im Walde

                  ihren Reigen drehten und Zwerge im Schoße der Berge
                  ihre  goldenen Schätze hüteten, geschah  es einmal,

                  dass ein Fischer und eine Fischerin abends über den

                  See fuhren. Es war gerade Vollmondzeit. Sie begannen,
                  während der Kahn mitten im See auf glitzernden Wellen

                  schaukelte, zu tändeln und zu kosen, als neugierig eine
                  Nixe herbeigeschwommen kam und mit freudigem Stau-

                  nen das seltsame Spiel der verliebten Menschen beo-

                  bachtete. Die nächste Nacht fuhr der Fischer allein auf
                  den See hinaus. Da hörte er dicht neben sich einen wun-

                  derbaren Gesang - er lauschte atemlos. Plötzlich teilte
                  sich die Flut und ein Weib von blendender Schöne stieg

                  beim Mondesglanze zu ihm in das Boot. Mit süßen Tö-
                  nen  und schmeichelndem Gekose  bestrickte sie sein

                  Herz. Treue und Heimat vergessend, warf er sich in die

                  Arme des schönen Wasserweibes.


                  Von dieser Stunde an war der Jüngling wie umgewan-
                  delt. Frohsinn und Lebenslust waren dahin, düster und

                  verschlossen wandelte er am Tage einher, wenn er an

                  seine Geschäfte ging. Die fremde Frau hatte es ihm an-
                  getan, ihr Bild schwand nicht mehr aus seinem Sinne.
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