Page 20 - Sagen aus der Schweiz
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der Hundertsten zu fürchten, die dem Jäger als War-
nerin erscheint und die ein schneeweißes Fell trägt,
freute er sich darauf und sagte, er wolle nicht ruhen
noch rasten, bis er auch die hundertste Gämse zu Fall
gebracht habe, und wenn sie zehnmal weiß sei.
Die alten Leute, die solche leichtfertigen Reden hör-
ten, schüttelten die Köpfe und sagten unter sich, es
werde mit dem Gemsjäger Rieggi noch ein böses
Ende nehmen.
Eines Tages nun machte sich der Rieggi jauchzend
auf die Jagd. Die hundertste Gämse wollte er sich ho-
len. Also stieg er ins Gebirge hinauf. Nach und nach
kam er ins Gsür, auf einen mächtigen Gebirgsstock
zwischen St. Stephan und Adelboden. Auf ihm fühlten
sich alle Tiere sicher und wohlgeborgen, und daher
nannte man diesen Berg "Die Mutter der Tiere". Aber
ihm war kein Berg heilig, vor ihm und seinem sicheren
Gewehr fanden die Tiere nirgends eine Freistatt, auch
im wilden Gsür nicht.
Wie er nun hoch am Berge saß und eine Weile ras-
tete, stand auf einmal da, wo sich das Rothorn gegen
die Grimmialp abdacht, ein gewaltiger, schneetauben-
weißer Gemsbock.
Statt nun der Warnung der alten Leute zu gedenken
und den Gemsbock in Ruhe zu lassen, sprang Rieggi
auf und machte sich auf Schleichwegen an die weiße
Gämse heran. Als er sie in Schussweite glaubte, zielte
er gut, und sein Schuss donnerte durch alle Berge,

